Crowdfunding – die Finanzierung durch die Masse. Wir haben mit Crowdfunding-Experte und Gründer der Crowdinvesting-Plattform 1000×1000 Reinhard Willfort gesprochen und uns bei den Startup Salzburg Factory Absolventen Original+ erkundigt, wie ihre erste Crowdfunding Kampagne gelaufen ist.

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Was genau ist Crowdfunding?

Beim Crowdfunding werden Geldbeträge von vielen Geldgebern gesammelt, um ein Projekt zu finanzieren. Für die Finanzierung erhalten die Investoren verschiedene Gegenleistungen. Crowdfunding bietet sich aber nur dann an, wenn du bereits auf den Markt gehen möchtest oder deine Idee schon ein Gesicht hat.

Bedenke, dass eine Crowdfunding-Kampagne mit umfangreichen Vorbereitungen verbunden ist. Vor allem die Bewerbung der Kampagne, um genug Aufmerksamkeit und damit auch Investments zu bekommen, kostet entweder Geld (z.B. die Produktion eines professionellen Promo-Videos, ein/e Marketing oder Social Media Spezialist*in, der/die dir bei der Verbreitung hilft oder ein PR-Support), oder wenn du es selbst machst, Zeit.

Verschiedene Arten des Crowdfunding: Die Gegenleistungen für das Investment sind je nach Art des Crowdfundings Anteile, Geld oder Sachleistungen:

  • Das Equity-based Crowdfunding, auch Crowdinvesting genannt, ist ein Investment mit finanzieller Gegenleistung – meist durch Beteiligungen an den Unternehmen.
  • Das Lending-based Crowdfunding, wird auch als Crowdlending bezeichnet, und handelt vorab für das Investment mit den Geldgeber*innen einen Prozentsatz als Verzinsung aus. Die Finanzierung wird zum Darlehen.
  • Das Donation-based Crowdfunding, bietet gar keine Gegenleistung. Investor*innen geben Geld, weil sie durch ihre Hilfe in erster Linie etwas Gutes tun wollen.
  • Beim Reward-based Crowdfunding, erhalten Unterstützer*innen ein kleines Dankeschön – also den „Reward“. Eine finanzielle Vergütung gibt es nicht. Wir haben mit Siegfried Rumpfhuber, Gründer und CEO des Salzburger Ski-Startups Original+ gesprochen, der dieses Modell für eine Vorfinanzierung seiner Produkte verwendet hat.

 

Vorstellungsrunde: die bekanntesten Crowdfunder

Kickstarter

Internationale Plattform. Kickstarter ging 2009 online und hat seitdem mehr als 3,7 Milliarden Dollar in 145.350 Projekten umgesetzt. 15 Millionen Menschen haben dazu beigetragen. Kickstarter ist ausschließlich für kreative Projekte in den folgenden Kategorien konzipiert: Kunst, Comics, Kunsthandwerk, Tanz, Design, Mode, Film und Video, Essen/Trinken, Spiele, Journalismus, Musik, Fotografie, Publishing, Technologie und Theater. 5 Prozent Provision.

Indiegogo

Internationale Plattform. Wie Kickstarter, zählt Indiegogo zu den großen weltweiten Crowdfunding Portalen. Seit 2008 wurden über 800.000 innovative Ideen verwirklicht. Die Plattform zählt bis jetzt 9 Millionen finanzielle Unterstützer*innen. Es gibt keine Einschränkung der Projektarten.

Startnext

Deutschsprachiger Raum. Startnext wurde 2010 als erste deutsche Crowdfunding-Plattform gegründet. Mittlerweile ist sie die größte dieser Art im deutschsprachigen Raum. Bis jetzt wurden über 54.994.000 Euro von der Crowd finanziert. 6.092 Projekte wurden erfolgreich abgeschlossen. Es gibt keine Einschränkung der Projektarten.

VisionBakery

Deutschsprachiger Raum. Visionbakery ist eine Plattform mit Sitz in Leipzig, die seit 2011 online ist. Seither gab es 54.190 Unterstützungen für 1015 Projekte. Sie ist die zweitgrößte in Deutschland. Persönlicher Support ist kostenlos und ein Provisionsbetrag muss nur dann bezahlt werden, wenn das Projekt erfolgreich finanziert wurde. Es gibt keine Einschränkung der Projektarten.

1000×1000

Österreichische Plattform. 1000×1000.at ist Teil der isn – innovation service network GmbH, ein führender österreichischer Innovationsdienstleister. Auf der Plattform wurden seit 2012 40 Projekte und 8,6 Millionen Euro von 4.053 Crowdfundern umgesetzt. Die Plattform fokussiert sich auf Crowdbusiness Projekte von etablierten KMU-Unternehmen und auf regionale Bürgerbeteiligungs-Initiativen.

Open Innovation Südtirol 

Regionale Plattform. Crowdfunding Südtirol hat zum Ziel, Südtirols KMU und kreativen Köpfen Unterstützung für innovative Projekte zu geben und regionale Kreisläufe zu stärken. Ins Leben gerufen wurde diese Plattform vom Wirtschaftsverband Handwerk und Dienstleister.

CONDA

Deutschsprachiger Raum. Größte Crowdinvesting Plattform Österreichs. Bei CONDA wurden bis jetzt 23,33 Millionen in 99 erfolgreich finanzierte Unternehmen von 11.099 Investor*innen investiert. Innovative Projekte können von gewinnorientierten Unternehmen mit leicht zu kommunizierendem Innovationscharakter und einem Finanzierungsbedarf über 100.000 Euro eingereicht werden.

Veranstaltungshinweis: Startup Salzburg und CONDA informieren am 20. Juni gemeinsam in einem kostenlosen Workshop im Startup Salzburg Service Point, über „Neue Wege der Kapitalbeschaffung“. Jetzt noch schnell Plätze dafür sichern!

 

Hinweis zu den Gebühren: Alles oder nichts – die meisten Crowdfunding-Plattformen verlangen nur dann eine Provision für Kampagnen, wenn sie erfolgreich finanziert wurden. Diese Provision liegt je nach Plattform zwischen 3 und 11 Prozent der Gesamtsumme. Gebühren kommen dann noch bei Kreditkartenzahlung hinzu und variieren zwischen rund 2 und 5 Prozent der gesamten Transaktion.

 

 

Rewardbased Crowdfunding erfolgreich umgesetzt von Original+

Nach erfolgreicher Produkt-Entwicklung, Testphase und vielversprechendem Feedback, entschied sich Siegfried Rumpfhuber eine Crowdfunding Kampagne auf Kickstarter umzusetzen. Das Zielbudget von 25.000 Euro, wurde heuer mit Ende der Kampagne sogar um 7.000 Euro übertroffen. „Wir haben rund 70 Paar Ski verkauft, die wir im Oktober ausliefern. Diese Art der Vorfinanzierung ist im weitesten Sinn ein großer Echtversuch für uns. Wir haben die Möglichkeit in Ruhe über den Sommer unsere erste Produktionsrunde sauber abzuwickeln. Da gibt es bestimmt einiges zu lernen, weil jeder Produktionsanlauf seine Challenges hat.“ Im Herbst, sagt Rumpfhuber, müsste die Produktion dann schon viel schneller funktionieren. Über die internationale Plattform verkaufte Original+ seine individuell angepassten Profi-Ski, nicht nur nach Deutschland und Österreich, sondern auch nach Kanada, Frankreich, USA und Hongkong.

Marketing

Rumpfhuber hat die PR für seine Kickstarter-Kampagne selbst übernommen. Dafür arbeitete er mit Newsletter-Tools und Kontakten, die er bei Skitests von Original+. sowie in seiner langjährigen Tätigkeit in der Skibranche geknüpft hat. Tatsächlich machten Kund*innen einen Großteil des Kickstarter-Verkaufs aus, die die Ski schon mal getestet oder davon gehört hatten. Einen kleinen Geldbetrag steckte Rumpfhuber auch in Social Media Marketing. Einen zusätzlichen Kaufanreiz sieht der Skiproduzent in den Kickstarter-Specials, die zum Beispiel den Käufer*innen der ersten zehn Produkte großzügige Rabatte gibt. „Das ist bestimmt ein Grund, warum die Anfangsphase der Kampagne so gut funktioniert hat“, so Rumpfhuber. Im Sommer wird dann der offizielle Original+ Ski Onlineshop eröffnet.

Marktforschung

Kommt meine Idee an oder nicht? Eine Crowdfundingkampagne kann Prognosen ergeben, ob dein Produkt Anklang findet. „Man bekommt eine Antwort auf die Frage, ob das, was man erschaffen hat, etwas wert ist. Besser man klärt das so früh wie möglich“, sagt Reinhard Willfort, Gründer von 1000×1000 und Geschäftsführer des Innovation Service Networks. Das solltest du also am besten gleich in der ersten, risikoreichen Phase testen. Bevor du dich auf eine Crowdfunding Plattform stürzt, solltest du zumindest einen vorzeigbaren Prototyp deines Produkts erstellt haben, rät der Experte.

„Ich sehe Crowdfunding auf jeden Fall auch als Marktforschungsmöglichkeit. Ich habe dadurch beispielsweise auch erfahren, welchen Modellmix und welche Farben die Kundinnen wählen. Aus so einem kleine Sample kann ich schnell lernen, wie das in Zukunft aussehen wird“, sagt Rumpfhuber.

Investment

Crowdfunding kann dir den Gang zur Bank oder zu großen Investor*innen in einer risikoreichen Projektphase ersparen. Ein erfolgreiches Crowdfunding hilft aber später auch bei Folgefinanzierungen mit Banken. „Das Vorverkaufsmodell, wie Original+ das gemacht hat, ist ein sehr einfach umsetzbares Modell des Crowdfundings. Und gleichzeitig ein wunderbares Instrument für den Markteinstieg. Ein Business Angel oder großer Investor ist vorrangig an der Wertsteigerung des Unternehmens interessiert, will auf jeden Fall mit einem Gewinn aussteigen. Wenn man sein Unternehmen aber selbst weiterführen will, kann das auch schnell schwierig werden. Außerdem will der klassische österreichische mittelständische (Familien-)Unternehmer keinen Exit. Da steht vielmehr der Gedanke dahinter, ein Unternehmen zu schaffen, das viele Generationen bestehen bleibt. Auch für den eigenen Nachwuchs. 90 Prozent wollen nicht schon nach drei Jahren wiederverkaufen“, so Willfort.

Scheitern

Nicht verzagen – fail again, fail better. „Die ersten selbstgemachten Crowdfundingkampagnen gehen meistens schief. Gerade wenn man sich keine Unterstützung holt, kostet das meist eine Lernschleife. Aber es ist nunmal auch so, dass viele Startups das Crowdfunding als Alternative zur Bank sehen und wo immer es geht, eigene Ressourcen einsetzen“, sagt Willfort. „Damit ist die Bereitschaft, sich Unterstützung von außen zu holen, um die Kampagne professionell aufzusetzen und schnell bekannt zu machen, gering“. Willst du von Anfang an breites öffentliches Interesse für deine Kampagne, wendest du dich am besten gleich an Expert*innen, die dich beim Branding, Storytelling oder Video-Producing unterstützen. Das Know-how, das du dadurch erhältst, kommt dir bestimmt in deinem Gründerleben weiterhin zugute.

 

Mit Profis arbeiten – weg vom Dilettantismus

 

Die Zukunft des Crowdfunding

Sichere dir deine Unterstützer*innen für später. Halte sie auf dem Laufenden und nutze Beziehungen für deinen Markenaufbau. Dann wird die Crowd auf lange Sicht zu einem Multiplikator. „Es macht Sinn mit der Crowd weiterzuarbeiten. Das ist meiner Meinung nach auch die Zukunft – die Crowd mehr in das Projekt, das Unternehmen einzubauen. Denn der Vorteil von Crowdfunding ist, dass sich die Investor*innen an der Sache emotional beteiligt haben. Das ist eine unglaubliche Chance“, sagt Willfort. „Bei Crowdfunding geht es auch um Vertrauen und Mundpropaganda. Wenn man eine Kampagne erfolgreich abgeschlossen hat und alle zufrieden sind, hat man einen wichtigen Mehrwert für sein Unternehmen geschaffen“.

 

Tipps von Reinhard Willfort, 1000×1000

 

Reinhard Willfort, Gründer von 1000×1000 (Bildrechte: innovation service network)

  • Crowd-Aktivierungskraft: Wenn man ein Service oder bahnbrechendes Produkt international bekannt machen will, muss man beim Crowdfunding natürlich auch das Marketing der Kampagne auf bereitere Beine stellen. Die Grundsatzfrage die sich jedes Projekt-Team stellen muss: Wer ist meine Crowd und wie kann ich sie aktivieren? Ich würde es gerade Startups raten, Expertise an Bord zu holen. Es gibt Agenturen, die sich auf Crowdinvesting spezialisiert haben. Die Netzwerke und das zusätzliche Know-how können auch nach der Crowdfunding-Kampagne hilfreich sein. Denn ohne Crowd kein Crowdfunding und der erste Anschub muss auch beim Crowdfunding auf Plattformen aus dem persönlichen Umfeld der Gründer kommen!
  • Regionaler Aspekt: Wenn sich Leute persönlich kennen, haben sie meist mehr Vertrauen. Wenn ein Projekt gut für die Wertschöpfung der Region ist, unterstützt man sich schneller gegenseitig. Da ist es wahrscheinlicher, dass Crowdfunding nicht als „Sparbuch“ verstanden wird und ein kleiner Betrag in ein regionales Vorhaben investiert wird. Wenn es einen Mehrwert für alle Beteiligten gibt, funktioniert das gut in Österreich.
  • Das Team: Es sollte nie nur eine Person in eine Crowdfunding Kampagne involviert sein. Ein erfolgreiches Projekt braucht heute vielfältige Kompetenzen, die für den Erfolg wichtig sind. Drei Kompetenzen sind für ein Projekt-Team essentiell: der „Vollblut-Unternehmer“ mit Top-Expertise in seinem Fachgebiet, ein „Rechner“ der die Finanzen im Griff hat und ein „Kommunikator“ der das Klavier der digitalen Medien spielen kann. Plattformen achten darauf, dass optimale Startbedingungen vorliegen.
  • Die Pitching-Skills: Startups und Unternehmer*innen sollten bedenken, dass man sich im Crowdfunding mit Investor*innen selten persönlich treffen kann. Umso wichtiger ist es, wie sie auf einem Pitch-Video rüberkommen und ob man in kurzer Zeit Vertrauen aufbauen kann. Welche Botschaft wollen sie vermitteln? Was zeichnet die Persönlichkeiten des Teams aus? Das Team, das hinter der Sache steht, ist sehr wichtig. Auch wie sich das Projekt wirtschaftlich anfühlt – bekomme ich mein Investment auch zurück?

 

Tipps von Siegfried Rumpfhuber, Original+

 

Sigfried Rumpfhuber, Original+ (Bildrechte: TYPS GmbH)

  • Der Preis: Meiner Meinung nach, liegt eine Preisrange von 30 bis 150 Euro in einem Bereich, in dem die Leute gerne investieren. Darüber wird das Risiko manchmal schon zu hoch, wenn eine Kampagne nicht funktioniert. Das haben nämlich viele, manchmal auch ich selbst, wenn ich in ein Projekt investiere, im Hinterkopf: was, wenn das Projekt nicht zustande kommt, und ich mein Geld nie wiedersehe?
  • Die Zielgruppe: Mindestens ein halbes Jahr vor der Crowdfunding Kampagne festlegen, wer die Zielgruppe ist. Mindestens ein bis zwei Monate vorher die Newsletter und Social Media Marketing Begleitung planen.
  • Die Provision: Nicht auf die finanziellen Abgaben vergessen. Kickstarter zum Beispiel verlangt 5 Prozent Provision. Dafür bekommt man aber auch ein Siegel, das für mein Unternehmen Mehrwert, Glaubwürdigkeit und Vertrauen schafft.
  • Bereit für die Produktion: Eine Crowdfunding Kampagne eignet sich vor allem dann, wenn nicht nur eine Idee, eine Skizze existiert, sondern schon zumindest ein Prototyp vorhanden ist. Man sollte nicht naiv herangehen und dann vor einer großen Produktion stehen und nicht liefern können. Es sollte Hand und Fuß haben, was man da macht.
  • Die richtige Plattform: Es muss nicht die größte Crowdfunding-Plattform sein – wenn das Produkt oder Service nur auf eine regionale Gruppe zielt, macht es Sinn, eine kleinere, lokalere Plattform zu nutzen. 80 bis 90 Prozent muss man sowieso selbst anschieben und bewirken.

Schreibfröhlich und am liebsten mit viel Sonnenschein in den Tag. Nach Wien und London hat es Evelyn nun nach Salzburg verschlagen. Hier hört sie sich im Einsatz für die ITG und Startup Salzburg nach spannenden Geschichten und Menschen um.

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