Dieser Beitrag ist all jenen gewidmet, die nicht Nein sagen können, schnell den Fokus verlieren oder zu voreiligen Entschlüssen neigen. We feel you. Und deshalb haben wir uns die 10-10-10-Methode angesehen und vor allem: wie du sie in deinen Startup-Alltag integrieren kannst.

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Wie triffst du deine Entscheidungen – also deine beruflichen aber auch die privaten? Aus dem Bauch heraus oder doch mit einer Pro-Contra-Liste? Die einen sind zögerlich und fassen nur ungern einen Entschluss und die anderen womöglich zu schnell. Immerhin fällt es oft nicht leicht, abschätzen zu können, welche Folgen aus den Handlungen entstehen. Eine Einschätzung gibt die 10-10-10-Methode von Suzy Welch. Die US-amerikanische Wirtschaftsjournalistin und Autorin zeigt in ihrem Buch „10-10-10: 10 Minuten, 10 Monate, 10 Jahre – Die neue Zauberformel für intelligente Lebensentscheidungen“, wie du mögliche Entscheidungswege ordnest. Dafür analysierst du deren Auswirkungen auf verschiedene Bereiche anhand von 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren.

Mit ruhigem Gewissen entscheiden

Natürlich kannst auch du nicht hellsehen, deshalb sollst du bei dieser Strategie so viel Recherche und Zeit wie möglich investieren. Je nach Fragestellung beleuchtest du wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische, soziale und emotionale Faktoren und Konsequenzen, die deine Entscheidungen beeinflussen oder nach sich ziehen. Das wird mit einem guten Gefühl belohnt – immerhin hast du dich eingehend damit beschäftigt. Den Vorwurf, dass du leichtfertig gehandelt hast, kann dir jedenfalls niemand machen.

Jetzt, dann und später

Welch begründet ihre Theorie darauf, dass viele von uns dazu tendieren, nur an die unmittelbaren Folgen zu denken. Das kann gerade in der ersten Gründungsphase schiefgehen, immerhin ist dein Startup hier in einer richtungsweisenden Zeit: Willst du das Angebot der Investorin A. annehmen, obwohl du ihr dadurch 15 Prozent Unternehmensanteile abtrittst und damit ganz schön viel Mitspracherecht? Willst du Mitarbeiter E. aufnehmen, weil er sofort anfangen könnte, seine Kompetenzen aber nicht so ideal passen wie die von Mitarbeiterin M.? Damit dein Kopfkratzen nicht zu kahlen Stellen führt, holst du hier also am besten die 10-10-10-Methode aus der Lade und spielst die verschiedenen Szenarien durch.

Du grübelst noch? Dann mach das doch am besten mit der 10-10-10-Methode, bei der du dich mit vielen möglichen Szenarien akribisch beschäftigst. (Copyright: © Bruce Mars on Unsplash)

Wie gehst du jetzt am besten vor?

  1. Wenn du vor einer klaren Frage stehst, gehst du nach dem 10-10-10-Prinzip die möglichen Antworten und Wege gedanklich durch.
  2. Recherchiere dazu alle Einflussfaktoren, die dir wichtig erscheinen. Dazu gehören nicht nur Prognosen oder Statistiken, sondern auch deine Ziele, Werte, deine Moral und deine Einschätzung. Setze dich eingehend damit auseinander, welche Folgen deine Entscheidung haben könnte.
  3. Ordne die Informationen auf der Zeitachse ein (kurz/mittel/lang), damit du dir einen Überblick schaffen kannst und weißt, welche Wahl du treffen möchtest.

Beispiel #1

Frage: Soll die Investorin A. ins Unternehmen einsteigen?

Bereiche zu betrachten:
Welche positiven und negativen Einflüsse hätte die Investorin bzw. das Investment auf dein Unternehmen.
Wie würde das Wachstum deines Unternehmens mit und ohne A. aussehen.

Antwort #1

A. wird ins Boot geholt.

In 10 Minuten: Gefühlschaos. Du bist dir vielleicht ein bisschen unsicher, dir ist etwas mulmig zumute: Wie wird die Beziehung mit der neuen Partnerin? Welchen und wie viel Einfluss wird A. tatsächlich haben?
In 10 Monaten: Das Kapital, das A. investiert kommt an und macht es möglich, weitere Marketingaktionen zu setzen. A. bringt sich außerdem engagiert ein und gibt hilfreiche Tipps und Inputs, die dir bei der Skalierung helfen.
In 10 Jahren: Das Startup hat sich durch die Unterstützung der Investorin gut entwickelt – Immerhin wurden Schritte gesetzt, die sonst erst später möglich gewesen wären.

Antwort #2

Du lehnst das Investment von A. ab.

In 10 Minuten: Kurzfristig atmest du auf, es wird sich nichts ändern, du bist niemandem Rechenschaft schuldig. Es gibt keinen zusätzlichen Druck oder Erwartungen, du musst keine Anteile abgeben oder Kapital zurückzahlen.
In 10 Monaten: Du bist ein wenig frustriert, deine Pläne lassen sich nur schleppend verwirklichen, weil oft das Geld fehlt. Mittelfristig sind damit viele Dinge noch nicht möglich und du musst bei den Ausgaben Prioritäten setzen.
In 10 Jahren: Möglicherweise bereust du deine Entscheidung. Du fragst dich, wo dein Unternehmen jetzt wäre, hättest du damals das Angebot der Investorin angenommen. Du hast nur ein kleines Wachstum zu verzeichnen und der Wettbewerb ist härter geworden, damit auch die Aussicht auf ein neues Angebot.

Die Analyse

Bedenke, dass es sich bei den Varianten um Mutmaßungen handelt und du die Situationen subjektiv einschätzt. Du könntest beide Szenarien nochmal unter negativen bzw. positiven Blickwinkeln beleuchten, wenn du wirklich alle möglichen Szenarien durchdenken willst.

Zum Beispiel: Was wäre, wenn sich Investorin A. zu viel einmischt – wie würde dann die Situation für dich und dein Unternehmen in 10 Jahren aussehen? Außerdem solltest du – je nachdem – auch Aspekte wie Businesspläne, finanzielle Mittel, Märkte oder Unternehmensziele in deine Abschätzung miteinbeziehen.

Zeit spielt eine große Rolle: Wie wirken sich deine Entscheidungen kurz-, mittel-, und langfristig aus? (Copyright: © Justin Veenema on Unsplash)

Beispiel #2

Frage: Wo sollst du dein Unternehmen gründen?

Bereiche zu betrachten:
Wo ist deine Zielgruppe, wo hast du ein starkes Netzwerk.
Wie soll sich dein Startup entwickeln, wie wird sich der Markt verändern und wie willst du dich entfalten.

Antwort #1

Du gründest in Salzburg.

In 10 Minuten: Easy, du bist immerhin schon hundert Mal bei einem der Startup Salzburg Service-Points vorbeigelaufen und holst dir jetzt endlich Rat von den Expert:innen. Dir werden einige Optionen vorgeschlagen, Kontakte mitgegeben und du kannst sogar gleich im Startup Studio loslegen.
In 10 Monaten: Du hast ein geeignetes Office gefunden und gegründet. Du kennst die Nachbarschaft und bist mit dem Fahrrad in wenigen Minuten zuhause. Das gefällt auch deiner Familie sehr gut, die dich ab und zu besuchen kommt. Was dir Sorgen bereitet sind die hohen Mietpreise, die konstant steigen. Auch die Prognosen deuten darauf hin.
In 10 Jahren: Du bist wahnsinnig fleißig gewesen und hast dir einen zufriedenen Kundenstamm aufgebaut. Dein Produkt ist in Salzburg und dann im Rest von Österreich gut angekommen. Langsam schmiedest du Pläne, auch den internationalen Markt aufzumischen. Dafür kannst du dir jetzt einen zweiten Standort in einem anderen europäischen Land vorstellen. Das braucht aber noch einiges an Vorarbeit, an der du in deinem aktualisierten Geschäftsplan arbeitest.

Antwort #2

Du gründest in Amsterdam.

In 10 Minuten: Holy moly! Du bist von dir selbst überrascht, hast aber Hummeln im Allerwertesten und bist dir sicher, dass du mit deiner Idee gleich international erfolgreich sein wirst. Dein Herz rast und die Endorphine schießen durch deinen Körper. Die Welt liegt dir zu Füßen, du denkst dir: „Was hab‘ ich schon zu verlieren?“.
In 10 Monaten: Du bist tatsächlich nach Amsterdam gegangen. Die Mietpreise waren höher als gedacht, aber das hast du in Kauf genommen. Du kennst niemanden vor Ort und musst dir mühsam erste Kontakte aufbauen. Auch die Bürokratie ist anders als in Österreich, deshalb dauern Unternehmensschritte länger als in deinem Heimatland, weil du vieles erst erfragen musst. Mit deinem Englisch kommst du ganz gut über die Runden.
In 10 Jahren: Die Konkurrenz war stärker als gedacht und irgendwann – wahrscheinlich nach ein bis zwei Jahren – hat sich doch das Heimweh eingeschlichen. Du hattest zu viel Arbeit und dadurch wenig Zeit, neue Freunde zu finden oder dir ein soziales Netz aufzubauen. Du hast lange durchgehalten, weil du wusstest, dass dein Produkt für ein internationales Publikum geeignet ist. Du bist aber viel zu oft in Sackgassen gelaufen und an deinem Halbwissen gescheitert. Es war zu früh, das ist dir jetzt bewusst und du bist nach drei Jahren wieder zurück nach Österreich gegangen.

Die Analyse

Langsam mit den wilden Pferden. Gerade bei grundlegenden Entscheidungen gilt es sich wirklich mit allen Szenarien eingehend auseinanderzusetzen. Sei ehrlich zu dir selbst, reflektiere nicht nur Märkte, Zielgruppen und Geschäftsmodelle, sondern auch deine eigenen Stärken, Schwächen und Ziele. Natürlich musst du nicht immer vom Worst-Case-Szenario ausgehen. Aber es ist wichtig, dass du dir über die Risiken bewusst bist. Ob es sich dann wirklich so entwickeln würde, bleibt natürlich dahingestellt.

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Fazit

Alles ist relativ. Auch die 10-10-10-Methode ist kein Wundermittel, schlussendlich bleiben deine durchgespielten Fälle reine Hypothesen. Vergiss also nicht, es handelt sich nur um ein Hilfsmittel, das dich vor zu voreiligen Entschlüssen bewahren soll und dazu anleitet, dich ausgiebig mit den möglichen Folgen zu befassen. Je mehr Faktoren du dir dabei ansiehst und recherchierst, desto realistischer werden auch deine Annahmen. Du kannst es ja gleich mal mit einer kleinen persönlichen Entscheidung ausprobieren – sollst du heute Abend Pizza bestellen oder doch ein vegetarisches Reisgericht kochen? Wie wird sich die Entscheidung in den nächsten 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren auf deinen Körper auswirken? Ist der kurze Glücksrausch wichtiger als die hohen Cholesterinwerte? Wir wünschen jedenfalls produktive Gedankenspiele und guten Appetit!

(Copyrights: Titelbild © Morgan Housel on Unsplash)

Veröffentlicht am 20. Juli 2021

Auf Schreibwiesen laufend, wie in Sound of Music, nur eben anders. Nach Wien kam London dann Salzburg und jetzt wieder Wien. Mit Salzburg im Herzen hört sie sich nun weiterhin im Einsatz für Startup Salzburg nach spannenden Geschichten und Menschen um.

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