Umfragen und Studien zufolge schätzen sich Frauen selbst schlechter ein als Männer. Sie hätten nicht genug Erfahrung, wären nicht mutig genug und hätten fehlende finanzielle Mittel. Die Gründe warum nach wie vor weniger Frauen als Männer ein Startup gründen, sind auch gesellschaftlich bedingt.

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Die Genderequality-Debatte macht auch vor der Gründer*innenszene nicht halt. Liegen bei den Unternehmensgründungen die Frauen schon ziemlich gleich mit Männern auf, hält sich die Quote der Startups bei rund 12 Prozent, unter einem europäischen Durchschnitt von rund 15,5 Prozent. Frauen würden tendenziell in Bereichen wie Kunst und Kultur, im Consulting oder in den Kreativwirtschaft, nicht aber im technisch-medizinischen oder innovativen Bereich gründen.

8 Gründe und Hindernisse

Der Austrian University Female Founders Report, stellte 2016 in einer Umfrage unter rund 200 Frauen, die ein Unternehmen gegründet haben oder planen, bald zu gründen, folgende Hindernisse dafür fest:

  • Zu wenig Know-how in der Vermittlung von betriebswirtschaftlichem und rechtlichem Wissen
  • Zu wenig Vernetzung mit anderen Gründer*innen
  • Vereinbarkeit von Familie und Gründung schwierig
  • Fehlende finanzielle Mittel
  • Fehlender Mut
  • Angst vor der Ungewissheit
  • Zu wenig Erfahrung
  • Zu wenig Soft Skills, wie z.B Pitching-, und Verhandlungs-Skills

Die Selbsteinschätzung der Befragten stand konträr zur Sicht ihrer männlichen Gründerkollegen. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben Männern die Attribute selbstbewusstes Auftreten, Risikobereitschaft und Entscheidungsfähigkeit. Der Report hielt auch nochmal fest, dass Frauen weniger technologie- und wachstumsorientierte Unternehmen, die als Startup definiert werden, gründen. Die Gründe dafür würden laut dem Austrian University Female Founders Report teilweise in frühen Lebensphasen liegen und sind gesellschaftlichen Ursprungs.

Wie im Standard berichtet, zeigte das Wintersemester 2017 allerdings eine neue Tendenz, die auch das Bild der Startup Szene in Zukunft verändern könnte: An der Wirtschaftsuniversität Wien wurden erstmals weniger Männer als Frauen für die Masterstudien Wirtschaftsinformatik, Supply Chain Management und Wirtschaftsrecht zugelassen. Der Frauenanteil lag gerade in der Wirtschaftsinformatik lange Zeit nur zwischen 13 und 40 Prozent. Nun ist er auf über 50 Prozent angestiegen. Im Supply Chain Management liegt die Frauenquote sogar bei über 60 Prozent. (Quelle: derstandard.at)

Female Empowerment – Eine Bestandsaufnahme

mit Wirtschaftscoach, Machtexpertin und Autorin Christine Bauer-Jelinek und Universität Salzburg Professor Ralph Poole, Literaturwissenschaftler mit Schwerpunkt Gender Studies und ehemaliges Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung

Bild: Christine Bauer-Jelinek (Copyright: Florian Bauer) und Ralph Poole (Copyright: privat)

Frauenbewegungen in Österreich

Es ist eigentlich noch nicht so lange her, die Aufbruchstimmung der 1970er und 80er Jahre, die neue Frauenbewegungen und Projekte in Österreich wachsen ließ, mit dem Ziel, Autonomie von Männern und Parteien zu erlangen. Den Weg hin zu einer sexuellen und kulturellen Revolution zu ebnen. Machtstrukturen wurden erstmals öffentlich gemacht und diskutiert. Ein wesentliches Thema war Gewalt gegen Frauen und ihre Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Nach und nach kamen auch wirtschaftliche und soziale Missstände in den Fokus der Bewegungen, wie beispielsweise „die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft – in unbezahlter Hausarbeit oder niedriger Entlohnung ihrer Erwerbsarbeit“. Frauenbewegungen hatten und haben zum Ziel, diese alten Rollenbilder und Strukturen zu durchbrechen, einen Systemwandel herbeizuführen. Geblieben ist eine feministische Infrastruktur, die für ein selbstbestimmtes Leben der Frauen wichtig ist. „Die Frauenbewegung heute besteht aus einer Vielzahl von Initiativen, Gruppen, Projekten und Aktivitäten. Frauen in verschiedenen Arbeits- Kultur- und Lebensbereichen fühlen sich verbunden durch ihre Ideen. Der Frauenbewegung ist es gelungen, das Bewusstsein für Frauenunterdrückung in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu sensibilisieren“. (Quelle: www.renner-institut.at)

Das Klischee lebt!

Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen. Diejenigen unter euch, die (noch) keine Kinder haben, glauben vielleicht auch an ein modernes Kindergartenbild. Der kleine Junge, der mit den Mädchen im Puppenhaus sitzt. Das Mädchen mit den Zöpfen, das mit den frechen Jungs auf Bäume kraxelt und Holzspeere schnitzt. Die Wirklichkeit sieht nach wie vor ein bisschen anders aus. Pink gilt irgendwie noch immer als Mädchenfarbe. Auch wenn sich viele Mütter dagegen wehren, wie beispielsweise das Instagram Projekt #stillaboy. Mutter und Fashion-Label Inhaberin Martine Zoer, kreierte die Instagram Kampagne, nachdem sie dafür kritisiert wurde auch pinke T-Shirts für Jungs zu verkaufen.

Was helfen kann, ist genau das. Starke Vorbilder, die sich gegen Stereotype stellen. „Ich bin großteils bei meiner Großmutter aufgewachsen, die mit mir viel darüber gesprochen hat, wie sehr sie gelitten hat, nicht arbeiten gehen zu können. Sie hatte in den 1920er Jahren eine Lehre als Herrenschneiderin gemacht, durfte aber im dritten Reich nicht arbeiten. Meiner Mutter wiederum, hat sie vermittelt, wie wichtig es ist. Meine Mutter ging arbeiten, mein Vater war bei der Armee. Ich hatte also eine berufstätige Mutter und eine sehr emanzipierte Großmutter. Das hat mich geprägt. Und ich habe als Kind schon nicht verstanden, warum es bestimmte Dinge gibt, die nur Jungs machen oder nicht machen dürfen.“ sagt Poole. „Ich habe beide Frauen als sehr starke Leitbilder empfunden und finde das auch wichtig für die Sozialisation der nächsten Generationen.“

Geschlechterrollen prägen aber auch die Universität. Wenn Poole ein Seminar leitet, bemerkt er die unterschiedlichen Dynamiken, wenn eine Gruppe nur aus Frauen oder aus Frauen und Männern besteht. „Wenn Männer in den Kursen sind, sitzen sie meist in den ersten Reihen, dominieren die Diskussionen und melden sich aktiver als die Studentinnen. Im Prinzip verhalten sich Frauen in so einem Rahmen passiv“, sagt der Literaturwissenschaftler. „Was bleibt wenn ich die Arbeiten korrigiere, ist der Eindruck der Studenten, weniger der Studentinnen. Das ist ein echtes Problem“. Auch die Themen seiner Seminare zeigen klassische gesellschaftliche und soziale Muster. „In einem Seminar über Historische Frauenliteratur aus dem 19. Jahrhundert hatte ich keine männlichen Studenten. In einem anderen, mit dem Titel ‚Film zwischen den Weltkriegen‘, sind wiederum die Hälfte der Teilnehmer männlich. Das Klischee lebt!“, sagt Poole.

Die (Un)Wichtigkeit von Frauennetzwerken

Ein Pflänzchen, das aus den Frauenbewegungen der 70er und 80er Jahre gewachsen ist, sind Frauennetzwerke. Für Ralph Poole auch heute noch eine wichtige Komponente. „Ich finde, es muss beides geben. Gemischte Netzwerke und Frauennetzwerke. Seit 30 Jahren, erklären mir Frauen, dass es diesen geschützten Raum braucht, um Female Empowerment zu sehen, in einem sicheren Umfeld zu diskutieren. Das muss ein women only space sein, damit sich diese Sicherheit ergibt. Dann können sie auch nach außen treten und in gemischte Netzwerke einklinken.“

Für Christine Bauer-Jelinek sind Frauennetzwerke allerdings schon etwas in die Jahre gekommen. Sie seien wichtig gewesen um Frauenrechte voranzutreiben, aber jetzt müsse man mehr Flexibilität zulassen. „Frauenbewegungen haben es geschafft, reine Männernetzwerke aufzubrechen. Reine Frauennetzwerke sind aber heute kein Vorteil, denn Frauen sollten auch von Männern lernen, weil diese nach wie vor in mächtigeren Positionen sind. Warum verzichten wir als Frauen auf dieses Wissen und diese Erfahrungen? Ich komme selbst aus den 70ern und verstehe, dass man das so gemacht hat um sich zu orientieren und gegenseitig zu unterstützen. Aber das ist längst vorbei. Heute müssen Frauen die unterschiedlichen Spielregeln der Macht rasch lernen und einsetzen“, meint Bauer-Jelinek.

Frauenquote her! Oder doch nicht?

Die Diskussion um die Frauenquote erinnert ein bisschen an die Frage um das Binnen i. Sind diese Werkzeuge nötig, für die Gleichstellung der Geschlechter?

Christine Bauer-Jelinek: „Die Frage nach den Quoten, wird sich in 10 Jahren erübrigt haben. Weil junge Frauen sowieso nach oben streben. Ich finde auch die quantitative Gleichstellung (Anm.: Halbe-Halbe bei Frauen/Männerverhältnisse) nicht hilfreich. Warum muss es immer die Hälfte sein? Wenn nicht mehr Frauen technische Fächer studieren wollen, dann sollte man sich dafür einsetzen, dass soziale Berufe eben besser bezahlt werden. Es ist hier aber viel im Umbruch und es wird noch viel mehr ehrgeizige Frauen und nach wie vor Männer geben,  die Karriere machen wollen. Genauso, wie es auch Frauen und Männer geben wird, denen nicht die Karriere wichtig ist, sondern mehr Zeit für Familie und ihre Interessen zu haben. Es wird von allem alles geben. Es wurde so lange dafür gekämpft, dass es keinen Unterschied machen soll, ob Mann oder Frau eine Position erlangen, und dass geschlechtsspezifische Eigenschaften nicht mehr gelten. Und jetzt kommt wieder die Debatte über Frauenquoten auf, die erst wieder die alten Rollenbilder zementiert und zudem noch einen Keil in die Gesellschaft treibt. Sich am Geschlecht zu orientieren, ist total retro, wird aber immer weiter propagiert.“

Ralph Poole: „Ich finde es beispielsweise gut, wenn männliche Speaker sagen, sie nehmen nur dann an einem Event teil, wenn die Hälfte der Vortragenden weiblich ist. Ich will nicht auf einer Veranstaltung sein, wo nur Männer miteinander „bündeln“. Das ist wirklich so. Die Gesprächskultur ist eine andere, wenn es eine reine Männergruppe ist. Das habe ich selbst auf einer Tagung gemerkt – da gibt es diesen komischen Männerschulterschluss.“

Romy Sigl, Partnerin von Startup Salzburg und Gründern von Coworking Salzburg: „Laut unseren Quellen werden in Österreich im besten Fall 15 von 100 Startups von einer Frau gegründet oder mitgegründet, Tendenz fallend. Ein Grund für uns, die Organisatoren des Startup Salzburg Weekends, bei dem jungen Unternehmensideen auf die Beine geholfen wird, uns selbst ein Genderziel zu setzen. Wir wollen 50 Prozent weibliche Teilnehmerinnen. Frauen müssten vor allem auf die Idee gebracht werden, sich als Startup-Gründerinnen zu sehen und ihr Geschäftsmodell in eines zu verwandeln, das nicht nach Stundenaufwand entlohnt (nicht skalierend), sondern als skalierbarer Service oder Produkt funktioniert. Genau das soll das Startup Salzburg Weekend auch leisten. Denn Geschäftsideen haben Frauen wie Männer natürlich gleichermaßen, das sehe ich einerseits im Coworkingspace und andererseits belegen das die Gründerzahlen der WKS die bei einem Frauenanteil von 50% liegen.“

Die alte Generation

Neben einer gesellschaftlichen Verunsicherung und des Generalverdachts der Diskriminierung, sieht Bauer-Jelinek das Thema als Generationskonflikt.

„Female Empowerment und Gleichberechtigung sind noch nicht bei der älteren Generation angekommen. Das wird aber auch nicht mehr passieren. Bei der jüngeren Generation ist das alles kein Thema mehr.“ sagt Bauer-Jelinek. “ Junge Männer und Frauen verhalten sich anders. Junge Frauen sind viel selbstbewusster, können Dinge abwehren und sich durchsetzen. Junge Männer haben nichts gegen die Gleichberechtigung aller Geschlechter. Sie müssen dazu nicht motiviert werden. Die oft gebrauchte Aussage, Männer würden verhindern, dass Frauen nach oben kommen stimmt so nicht. Männer sind pragmatisch. Sie fördern denjenigen oder diejenige, die ihnen nützlich ist und nicht immer die Person mit der besten Kompetenz. Frauen müssen in der Lage sein, sich richtig zu verkaufen, einen Mehrwert zu liefern. Jeder muss das. Jeder muss im Wettbewerb antreten, wenn er/sie weiterkommen will.“

Fazit und was du selbst für Female Empowerment tun kannst

  • Starkes Auftreten: Obwohl Christine Bauer-Jelinek und Ralph Poole unterschiedliche Ansichten haben, sehen sie doch beide die dringende Notwendigkeit für Frauen, sich durchzusetzen. Um in bestimmten Situationen, wie Pitches, Vorträge oder Verhandlungen Selbstbewusstsein und Kompetenz auszustrahlen, müssen sich Frauen diesen „Regeln“ stellen.
    Tipp: In konservativen Branchen oder solche Kunden klassisch kleiden. Für die, die sich im Kleid oder Rock nicht wirklich wohl fühlen – am besten zu Hose und Blazer greifen, empfiehlt Poole. „Eine Geschäftsfrau darf aggressiv sein. Frauen sollten Attribute wie kompetitiv und aggressiv in ihr Spektrum einbeziehen. Und wenn sie dafür nicht der Typ ist, dann zumindest ausdauernd und zäh. Sie sollte sich nicht von der ersten Krise wegpushen lassen“, sagt Poole.
  • Binnen i: Es geht um die Message und was der Feminismus für die Gleichberechtigung der Frauen erreicht hat. „Für Feministinnen war es wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass die Representanz auch in der Sprache gegeben sein muss. Das war ein jahrzehntelanger Kampf. Es gilt hier einfach aufzupassen, dass wir bei der neuen Lockerheit nicht in die Falle laufen, dass das mitgedachte weibliche Geschlecht sprachlich nicht wieder verschwindet und alles was damit gedacht und gesagt werden soll.“ sagt Poole.
  • Diskriminierung beim Event: Der Investor fragt nach einem Pitch vor versammelten Publikum bei deinem männlichen Praktikanten nach wesentlichen Details zu deinem Vortrag. Bauer-Jelinek: „Ruhig bleiben und selbst das Wort ergreifen, weiterreden, Blickkontakt suchen. Und auf keinen Fall darauf hinweisen. Mit Präsenz und Sichtbarkeit auf sich aufmerksam machen. Mit dem Mitarbeiter nächstes Mal vorab besprechen, dass er auf so eine Frage sagt: „Das  wird meine Chefin beantworten.“

 

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Das passende Buch von Christine Bauer-Jelinek: Die helle und die dunkle Seite der Macht

Noch mehr Lektüre zum Binnen i in der Süddeutschen Zeitung

Schreibfröhlich und am liebsten mit viel Sonnenschein in den Tag. Nach Wien und London hat es Evelyn nun nach Salzburg verschlagen. Hier hört sie sich im Einsatz für die ITG und Startup Salzburg nach spannenden Geschichten und Menschen um.

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