Stell dir vor, du wirst bei „2 Minuten, 2 Millionen“ vor ganz Österreich gegrillt. An sich schon eine absolute Stresssituation für jede*n Gründer*in. Ernst Novak legt noch eins drauf – nur zwei Tage bevor er sich dem intensiven TV-Kreuzverhör stellte, wurde seine Tochter geboren. Liebe in Zeiten der Gründung – ein Drahtseilakt.

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Natürlich ist in Liebesbeziehungen nicht immer alles eitel Wonne, Sonnenschein. Wenn der oder die Partner*in dann noch dazu ein*e Entrepreneur*in ist, entstehen zusätzliche Spannungsmomente. Wir haben rechtzeitig zum Valentinstag beim Salzburger Gründerpaar von easyvegan, Startup-Mitgründer und Startup Salzburg Coach Ernst Novak und dem renommierten Beziehungsexperten Dominik Borde nachgefragt.

 

Martin Jager und Cassandra Winter lieben sich trotz und gerade wegen des gemeinsamen Unternehmens. (Foto: wildbild, Herbert Rohrer)

 

24 Stunden, 365 Tage im Jahr

… sind für die meisten Partnerschaften eine Beziehungsprobe. Nicht, dass man nicht gerne Zeit miteinander verbringen würde. Aber gemeinsam zu gründen heißt, wirklich alles gemeinsam zu machen. Erfolgreich meistern das Cassandra Winter und Martin Jager. Gestern feierten sie ihren achten Jahrestag.

Ihre gemeinsame Unternehmensgründung startete eigentlich mit Cassandra’s Abneigung gegen „lätscherte“ Tofu oder Gemüselaibchen im Restaurant. Sie begann mit verschiedenen Rezepten auf Linsenbasis in ihrer eigenen Küche zu experimentieren. Endlich mal ein guter fleischloser Burger! Das Endergebnis schmeckte nicht nur ihr, sondern auch Martin richtig gut. Er war dann auch der erste (unbezahlte …) Angestellte im eigenen Food Truck. So begann die Unternehmensgeschichte der beiden. Nachdem der Foodtruck ein voller Erfolg war und immer mehr Kund*innen nachfragten, wo man die „Vleischpflanzerl“ kaufen könnte, gründeten die beiden ihr Unternehmen easyvegan und nahmen an der Startup Salzburg Factory teil, um sich auf den Markteintritt vorzubereiten. Sie beliefern mittlerweile mehrere heimische Gastronomen und konnten Ende 2019 den österreichischen Raststättenbetreiber Rosenberger als Großkunden gewinnen.

Seit der Gründung vor drei Jahren verbringen sie nun buchstäblich jede Minute miteinander. Was das für ihre Beziehung bedeutet, verraten die beiden im Gespräch mit Startup Salzburg:

„Es ist Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, weil wir unsere Leidenschaft teilen und besser nachvollziehen können, warum der andere gerade gestresst oder aufgeregt ist. Erfolge können wir noch intensiver gemeinsam erleben. Ein Fluch aber, weil sich stressige oder heikle Situationen schnell mal aufschaukeln. Wir sitzen beide im selben Boot, das heißt, keiner kann den anderen ausgleichen.“

(Foto: Unsplash/designcologist)

Unromantisch aber notwendig

Und trotzdem funktioniert bei easyvegan beides, sowohl die professionelle Partnerschaft, als auch die Liebe.

Ihre Tipps könnten dafür nicht pointierter sein:

  • Augen zu und durch!
  • Die gemeinsame Vision nicht aus den Augen verlieren.
  • Ein privates Ziel verfolgen.
  • Und: Von Anfang an regeln, was mit dem Unternehmen passiert, wenn die private Beziehung scheitert.

Gerade der letzte Punkt klingt erstmal unromantisch. Eine geschäftliche Vereinbarung, für den Fall einer Trennung? Ganz klar notwendig, sagen Cassandra und Martin. „Wir haben einen Gesellschaftsvertrag gemacht, wer für was zuständig ist und bleibt, auch wenn wir privat auseinander gehen. Man sollte das sehr wohl in Betracht ziehen und nicht vergessen, wie wichtig das für ein Unternehmen sein kann, sowas im Voraus zu regeln. Viele Startups und Jungunternehmen scheitern am Team, nicht an der Idee. Von daher ist es wichtig sich auch Gedanken darüber zu machen, was mit dem Unternehmen passiert, wenn man privat getrennte Wege geht“.

Eine pragmatische Herangehensweise empfehlen sie auch anderen Gründerpaaren. Und genau diese Leidenschaft für das Unternehmen ist es ja auch, das die beiden so stark verbindet.

 

Besser geliebt werden, als Recht zu haben

Wenn doch einmal der Haussegen schief hängt, dann hat Beziehungsexperte Dominik Borde einen Tipp, trotz Gründungshektik ein stabiles Privatleben und die Liebe zueinander zu pflegen:

„Es ist besser in Liebe zu sein, als immer im Recht. Das wirkt oft reinigend. Beziehungen werden nicht besser, wenn sich das Geld auf der hohen Kante türmt, wir relaxed am Strand sitzen und Mojitos schlürfen. Beziehungen werden besser aufgrund der Art und Weise wie ein Paar mit Streit und Krisensituationen umgeht. Es ist eine wunderbare Form der Paarbeziehung, egoistisch für den eigenen Vorteil zu handeln, indem du enorme Freude daran entwickelst und dich wohl dabei fühlst, den Partner oder die Partnerin glücklich zu machen. Gib aus vollem Herzen! Nicht, weil du dir etwas erwartest, sondern weil du liebevoll bist“, so Borde. „Richte für zumindest sechs Wochen den Fokus auf das, was sich deine Partnerin oder dein Partner wünscht. Du wirst staunen, was alles in die Gänge gerät. Das ist die beste Chance, deine Beziehung wieder mit Nähe zu beleben und deiner Partnerin oder deinem Partner das Gefühl zu geben, das er sich bei dir ganz öffnen kann.“

(Foto: Unsplash/Nathan Walker)

 

Ohne mich. Liebe bei Selbstverwirklichung

Als Gründer*in hat man es nicht immer leicht. Vor allem dann nicht, wenn der Geburtstermin des zweiten Kindes genau in denselben Zeitraum fällt, wie der alles entscheidende Pitch für „2 Minuten 2 Millionen“, so wie bei Ernst Novak. Unfassbar aber wahr, zwei Tage nach der Geburt seiner Tochter musste Ernst als Vertriebsexperte für das Startup myDinoBox mit seinem Kollegen Harald Wieser vor der toughen Jury pitchen. „Diese Situation war mit einem Wort: beschissen. Ich habe mich in einem unglaublich emotionalen Spannungsfeld bewegt – die finale Phase vor der Geburt, die Anspannung bezüglich der Homestory, die Geburt am Samstag und zeitgleich die Vorbereitung auf den Studiodreh am Montag. Die überschwängliche Freude über unsere zweite Tochter und die enorme Enttäuschung darüber, dass wir kein Investment bei „2M2M“ bekommen haben. Im Nachhinein war es eigentlich ein Wahnsinn in welcher Ausnahmesituation wir – meine Frau und ich – waren.“

Eine Situation, die die beiden durch viel Verständnis füreinander meisterten. Immer wieder stand ihm seine Frau Doris bei, wenn er sich innerlich zerrissen fühlte. „Es wechselt teilweise im Stundentakt zwischen: liebevoller Vater sein wollen, als Gründer Erfolg zu haben oder gemeinsam mit Doris am Berg zu sitzen und in die Ferne zu schauen.“ Diese extreme Belastung hat nach einiger Zeit hohe Wellen geschlagen: Seine Konzentration ließ nach, seine Nerven wurden immer dünner. Doris war es, die (ganz im Sinne von Borde’s Empfehlung) Ernst dazu ermuntert hat, trotzdem weiterzumachen. Aber ohne sich dabei ständig in hundert Teile splitten zu wollen. „Sie hat mich dazu angehalten, wieder mehr zu schlafen und es anzunehmen, dass neben dem Startup nicht mehr so viel Zeit für Frau, Kinder und mich selbst bleibt“.

 

Liebe in Zeiten der Gründung I

 

Als Partner*in bist du Cheerleader

Ernst Novak ist nicht nur Entrepreneur sondern auch Familienvater (Foto: Marco Riebler)

 

Wenn du einen Gründer oder eine Gründerin liebst, dann musst du in dieser Liebe auf einiges gefasst sein. Lange lange laaaaange Stunden vergehen, bis du deinen Liebsten oder deine Liebste wieder zu Gesicht bekommst und auch dann sind Handy und Laptop meistens auf Standby. Für Familie Novak war das aber kein Grund zur Panik. Die Devise: Kids first und die Selbstverwirklichung des Mannes unterstützen. Ernst erzählt, wie dankbar er Doris ist, für seine beruflichen Ziele ihre eigenen zurückzustecken.

„Meine Frau ist einerseits sehr verständnisvoll aber andererseits auch sehr durchsetzungsstark, wenn sie von etwas überzeugt ist. Sie challenged mich tagtäglich und dafür bin ich ihr extrem dankbar. Davon abgesehen ist sie die beste Mama der Welt! Obwohl sie eine tolle Karriere im Marketing hätte haben können, hat sie sich für die Mutterrolle entschieden. Sie ist zwar nach jeder Geburt wieder ins Arbeitsleben zurückgekehrt, aber sie hat bewusst ihre Karriere hintenangestellt. Ich darf meinen beruflichen Träumen nachgehen und sie unterstützt mich dabei – das ist unglaublich selbstlos und das schätze ich sehr an ihr.“ Was sie im Gegenzug fordert? Wenn er Zeit mit ihr und den Kindern verbringt soll er ganz bei ihnen sein – mental und physisch den Moment genießen.

So wie Doris ihrem Partner den Rücken freihält, empfiehlt auch Borde Partner*innen von Entrepreneuren, geduldig und empathisch zu sein:

„Eine Partnerin oder ein Partner, der ein Unternehmen gründet, befindet sich in einer besonders intensiven Phase ihres oder seines Lebens. Für den anderen ist das nicht einfach: Statt Gemeinsamkeit fühlt der Partner oder die Partnerin oft Einsamkeit, muss zurückstecken, weil berufliche Prioritäten private überdecken. Doch tun sie dies wirklich? Liebe ist immer ein Ort, an den man geht, um zu geben: Du verdienst eine Partnerin oder einen Partner, der oder die dich anfeuert, dir ‚cheert‘, dich unterstützt und anspornt, dich zu einem besseren Menschen zu entwickeln. Du verdienst niemanden, der oder die dich einbremst, dein größter Kritiker ist, dich aufhält und sogar abbringt, etwas Neues, Anderes zu machen. Deine Partnerin oder dein Partner will ein Unternehmen gründen? Das sind Ziele, die auch deine Ziele sind, und es geht dir gut, wenn es deiner Lebensgefährtin oder deinem Lebensgefährten gut geht: Feuere ihn oder sie an, lobe sie oder ihn für den Eifer, unterstütze ihn oder sie in dem Vorhaben so gut du kannst.“

 

(Foto: Unsplash/Benjamin Manley)

 

Locker bleiben

Damit das gelingt, rät der Beziehungsexperte aber auch:

  • Alltagsrituale, die das Paargefühl stärken aufrechterhalten, denn „wenn der Job permanent wichtiger ist als der Partner, entfernt man sich unweigerlich voneinander“.
  • Beim gemeinsamen Essen oder Reden das Handy weglegen, sonst wird sich der Partner irgendwann auch distanzieren.
  • Einander Freiräume lassen.
  • Locker nehmen! „Herzhaftes Lachen zerstreut manche Endlosdiskussionen. Nichts wirkt so erfrischend als Partner*innen, die es verstehen, im richtigen Moment humorvoll zu sein. Da wirkt ein Lachen, als würde jemand im Frühling das Fenster öffnen“.
  • Flirten. „Die Scherze und der lockere Umgang sind ein Flirtverhalten, das in keinem ordentlich gepflegten Beziehungshaushalt fehlen darf. Und wenn ihr Spaß miteinander habt, kommen gemeinsame Intimzeiten von ganz alleine.“

 

In diesem Sinne wünscht das Startup Salzburg Team allen Gründer*innen einen schönen Valentinstag!

(Fotos: © wildbild/Herbert Rohrer, Unsplash/Scott Webb, Unsplash/designcologist, Unsplash/Nathan Walker, Unsplash/Benjamin Manley)

Veröffentlicht am 12. Februar 2020

Schreibfröhlich und am liebsten mit viel Sonnenschein in den Tag. Nach Wien und London hat es Evelyn nun nach Salzburg verschlagen. Hier hört sie sich im Einsatz für die ITG und Startup Salzburg nach spannenden Geschichten und Menschen um.

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